|
"Stellen Sie sich vor, wir sitzen in einem normalen Zimmer. Plötzlich erfahren wir, daß eine Leiche vor der Tür liegt. Im selben Augenblick hat sich das Zimmer, in dem wir sitzen, völllig verändert; jeder Gegenstand darin sieht plötzlich anders aus; das Licht und die Atmosphäre haben sich verändert, obwohl sie in Wirklichkeit so sind wie zuvor. Wir sind es, die sich verändert haben, und die Gegenstände sind so, wie wir sie sehen. Genau diese Wirkung möchte ich mit meinem Film erreichen"
Carl Theodor Dreyer, 1931
Beurteilte man die Wirksamkeit eines Horrorfilmes allein danach, in welchem Maße er sein Publikum überzeugt (und dadurch zum Fürchten bringt), müßte "Vampyr" sicher als der größte aller Horrorfilme gelten.Ganz sicher ist es das einzige unbestrittene Meisterstück des Genres.
Dabei besitzt der Film keine der sonst üblichen äußeren Merkmale: Er bietet weder Schocks noch Grusel oder auch nur physische Gewalt; er überläßt weit mehr der Vorstellungskraft (und inneren Anteilnahme) des Zuschauers als jeder andere Horrorfilm. Hinzu kommt, daß es ein ausgesprochen langsamer, ruhiger Film ist und deshalb im Vergleich zu den großen gotischen Horrorfilmen der frühen Tonfilmzeit Hollywoods, deren Zeitgenosse er zufällig war, geschäftlich nicht zu vermarkten war. In den USA, wo man von dem Horror-Boom profitieren wollte, wurde er drastisch gekürzt, umgearbeitet, mit einer grauenhaften Erzählerstimme versehen und in "Castle of Doom" ("Schloß des Verhängnisses") umbenannt.
Einen Dreyer-Film kann man zwar kürzen, aber nicht beschleunigen. Selbst in seiner einstündigen, neugeschnittenen Fassung war er noch ein ruhiger Film, der nur begrenzt ausgewertet und von wenigen Menschen gesehen wurde.
|