forgetme@not
Der Multimediakünstler versteht sein aktuelles Werk als Spielanordnung für Menschen und Maschinen, in dem Elemente der klassischen Liebesromanze und des Melodrams mit Gestaltungsmitteln der Computertechnologie und der Telekommunikation konfrontiert werden. Kitsch und Technik verschmelzen zu einer spannenden Synthese.
Im Mittelpunkt steht die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen von Liebe und Sex mittels elektronischer Kommunikation.
Eine E-Mail-Korrespondenz, bestehend aus Texten, Links, Bildern und Sounds bildet die multimediale Partitur und konfrontiert das Publikum mit dem fragmentarischen Bild einer Lovestory, die als harmloses Spiel beginnend, zur Obsession wird:
Ein Mann und eine Frau treten bei einem chat erstmals miteinander in Kontakt. Aus ihrer zufälligen Begegnung entwickelt sich vor den Augen der Netz-Öffentlichkeit eine leidenschaftliche Affäre. Trotz ihrer provokanten Freizügigkeit - die beiden schlüpfen in verschiedene Rollen, überschreiten so Tabus und leben Extreme aus - hält sich die Beziehung an strenge Spielregeln. Erlaubt ist jegliche Art von Telekommunikation, verboten die Preisgabe der wahren Identität oder eine Begegnung im wirklichen Leben und somit der "reale" Körperkontakt. Ein Blackout löscht sämtliche Informationen und setzt der Beziehung unerwartet ein Ende.
Assoziative Bilder und Klänge an der Grenze der Wahrnehmbarkeit setzen in der Folge einen Rekonstruktionsprozeß in Gang, der die wahre Identität der Protagonisten zu klären versucht und mögliche Antworten auf das Ende der Beziehung gibt: Wurden die Daten infolge eines Systemabsturzes gelöscht oder sprengte die Affäre die Grenzen des Mediums?
Karlbauers mediales und kompositorisches Konzept bezieht sich inhaltlich und formal auf ein Phänomen, das Tom Sherman als blanking (Totalausfall des menschlichen Bewußtseins infolge exzessiven Datenkonsums) beschreibt.
Die Umsetzung erfolgt durch einen MediaMix aus Live-Aktionen, Live-Audio-Processing, Videoprojektionen und der interaktiven Auseinandersetzung mit dem Aufführungsort.
Das ©rhiz als "Ort der heraufdämmernden Informationsgesellschaft" bietet den idealen Rahmen für das Projekt. Mit seiner zukunftsweisenden technischen Ausstattung und den verglasten Außenfronten bildet es das geeignete Ambiente für die beiden Darsteller, die in getrennten, an der Außenseite der Glasfront angebrachten Boxen agieren. Auf diese Weise wird eine Beobachtungssituation geschaffen, die den voyeuristischen Charakter einer Peepshow trägt: Das Publikum kann die Aktivitäten der Protagonisten, die - ohne Körper- und Blickkontakt - quasi autistisch und zugleich intensivst miteinander kommunizieren, durch die Glasfront verfolgen.
Karlbauer gelang es in diesem Projekt ein beachtliches Team um sich zu scharen. Garant für einen vielversprechenden Abend ist der renommierte britische Klangkünstler und Performer Philip Jeck, der nicht erst durch sein aufsehenerregendes "Vinyl Requiem" (einer Performance mit 180 Dansette-Plattenspielern, 1993) internationales Ansehen genießt. Zahlreiche Plattenveröffentlichungen und Installationen der letzten 18 Jahre weisen ihn als Pionier einer Kunstform aus, in der alte Plattenspieler und Vinylscheiben durch raffinierte Manipulationen zu eigenständigen Klangerzeugern werden. In forgetme@not agiert er als DJ und ist gemeinsam mit Klaus Karlbauer und Wolfgang Musil für die musikalische Komposition verantwortlich.
Die Szenefigur Didi Bruckmayr verkörpert den Part des männlichen Protagonisten. Als Frontman (Leadsänger von "Fuckhead", "Wipe Out") und Performance-Künstler setzt er sich immer wieder körperlichen und emotionalen Extremsituationen aus.
Seine weibliche Gegenspielerin, Roswitha Schreiner, setzt als Sängerin, Darstellerin und Kostümbildnerin wesentliche künstlerische Impulse bei den Produktionen der MOOP.
Doris Ebner und Roderich Madl von "Pilottanzt" sorgen für die choreografische Umsetzung der Live Aktionen, die hohe Anforderungen an die Protagonisten stellen, da sie auf engstem Raum auszuführen sind.
Die Programmierung der IRCAM-Workstation für das Live-Audioprocessing sowie das Sounddesign werden von Wolfgang Musil durchgeführt.
Klaus Karlbauer zeichnet für Konzept, Raum und Regie verantwortlich.
Das Team:
ist eine
Klaus Karlbauer und seine MOOP (Movie n' Opera) - bekannt für gewagte Crossovers von traditionellen Theaterformen mit neuen Medien - entwarf für den futuristisch anmutenden Veranstaltungsort ©rhiz eine nicht alltägliche Lovestory mit dem vieldeutigen Titel forgetme@not.
Weibliche Protagonistin:
Roswitha Schreiner
Männlicher Protagonist:
Didi Bruckmayr
DJ:
Philip Jeck
Special Appearance:
Gen Seto
Musikkomposition:
Philip Jeck, Wolfgang Musil & Klaus Karlbauer
Choreografie:
Doris Ebner & Roderich Madl
Visuals:
Frau Faust Film
VJ:
Ulrich Kaufmann
Lichtdesign:
Larry Busch
ISWP-Programmierung &
Sounddesign:Wolfgang Musil
Tontechnik:
Hans Doellinger
Kostüme:
Roswitha Schreiner
Konzept, Raum & Regie:
Klaus Karlbauer
Produktion:
Movie n' Opera (moop)
Klaus Karlbauer C 1998
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