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DIEUNIVERSITAET.AT - CULTURE CLUB, 21.01.2002 Die Frau als bipolares Wesen Eine Video-Musik Performance im dietheater Künstlerhaus versucht in Anlehnung an das Leben der viktorianischen Mathematikerin Ada Lovelace, eine Frau als transgredientes Wesen jenseits der Dichotomie private und öffentliche Funktion darzustellen. Eine anspruchsvolle und gewagte Idee, deren performatives Ergebnis leider kaum über den Formalismus einer modernen Revue hinausgeht. Rosivita (Roswitha Schreiner) versucht den Spagat zwischen ihrer privaten Rolle als Hausfrau und Mutter und ihrer beruflichen als Sängerin im Stile einer bunten, verführerischen Mischung aus Chansonnette, Femme Fatal und Riot Girl zu schlagen, ohne ein Doppelleben führen zu müssen. Aber gibt es überhaupt eine Möglichkeit, beide Pole, ihrer Sozialisation als Frau zum Trotz, zu verweben und damit diese zu sprengen? Um diese Frage zu beantworten, wird der Geist von Ada Lovelace, eine Mathematikerin in England in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, herauf beschworen, die wesentlich zur Entwicklung der Differenzmaschine (Rechenanlage) von Charles Babbage beigetragen hat. Ihre Arbeit an dieser Maschine war die Vorwegnahme der ohne Mittelpunkt, ohne Organisationsprinzipien und Hierarchien operierenden Hypertextprogramme und digitalen Netzwerke. Rosivita begibt sich nun durch Ada Lovelace instruiert und inspiriert auf die Suche nach ihrem persönlichen Netzwerk, um den hierarchisierenden Ebenen der Gesellschaft, denen eine Frau oft ausgesetzt ist, zu entkommen. Sergeant Zero und Lieutenant One begleiten Rosivita Das Buch Zeros and Ones von Sadie Plant, in dem das Leben der Ada Lovelace und ihre Bedeutung für die Cybertheorien behandelt wird, dient nicht nur als textliche Basis, sondern liefert auch gleich den Titel der Performance und die Namen der beiden Musiker von Rosivita, die sie die ganze Zeit über live begleiten. Hinter Sergeant Zero verbirgt sich Klaus Karlbauer und Bernhard Loibner spielt als Lieutnant One. Die Musiker so zu benennen, zeugt sicher von Kreativität, was aber von ihren Kompositionen, die laut Begleittext zur Performance, "unterschiedlichstes Klangmaterial mit widersprüchlisten Musikstilen verweben: Coole Grooves mit Industrial/Noise-Breaks, Evergreens mit Freejazz-Attacken, Jimi Hendrix- und Heavy Metal-Anklänge mit athmosphärischen-Ambient-Sounds", weniger behauptet werden kann. In der Theorie klingt dies ja sehr verwoben und cool, doch sollte es auch in der Praxis verwoben und cool klingen, zumal als musikalische Basis "dekonstruierte" (siehe Begleittext) Songs von P. J. Harvey, Marylin Manson, Tom Waits und Bryan Ferry dienten. Da liegt die Latte, die es zu dekonstruieren galt, sehr hoch; zu hoch für die Musiker/Komponisten. Bei den beiden "dekonstruierten" Songs von P. J. Harvey (Garden und I can hardly wait) konnte auch Roswitha Schreiner als Sängerin Rosivita bzw. ihre Interpretation von P. J. Harvey nicht mehr die Kastanien aus dem Feuer holen (was ihr bei den übrigen Nummern durchaus gelang), da nützte ein resolutes Umwerfen des Mikroständers auch nichts mehr. Ein etwaiges Argument der bewussten ironischen Verfremdung oder, um genau zu sein, der Dekonstruktion, würde hier auch nicht mehr ziehen, denn Ironie darf nicht zur Indifferenz respektive zum indifferenten Minimal-Techno oder zum elektronischen Ambient verkümmern. Doch diese Stile bildeten das musikalische Grundgerüst der Performance. Dass sich Popsongs im wahrsten Sinne des Wortes De-Konstruieren lassen, dazu braucht man z.b. nur bei Christian Fennesz oder den Residents nachhören. Rosivita im Video Rosivitas andere, also private Seite wird auf Video eingespielt. In diesen Phasen zieht sich Rosivita von der Bühne zurück und ihre Präsenz beschränkt sich in digitaler Form auf der Leinwand. Die Videosequenzen zeigen sie in ihrer Wohnung oder in der Natur wie sie über ihren Status und ihre Pflichten als (kindererziehende) Frau reflektiert. Ihre Gedanken werden stets von Ada Lovelace geleitet: "Ich befinde mich nicht in einem Schneckenhaus, sondern in einem Molekularambulatorium." Ihre Kinder werden übertrieben in ihr Streben nach dem Aufheben der klassischen, den Frauen zugeteilten, Funktionen einbezogen. ; es wird ihnen aus dem Buch Zeros and Ones vorgelesen. Feministische Cybertheorie für Kleinkinder, warum auch nicht (nebenbei angemerkt: diese Idee ist nicht völlig absurd, denn in Graz läuft ein erfolgreiches Projekt, in dem Volksschulkindern Philosophie gelehrt wird), doch sollte es nicht aufgesetzt und plakativ wirken. Die Protagonistin fühlt sich also nicht in einem Schneckenhaus gefangen, doch die Aufführung kann dies kaum, über das Zitieren von Lovelace bzw. Plant hinaus, transportieren, vielmehr werden sogar zwei Schneckenhäuser entworfen und manifestiert. Einerseits Rosivita als flapsig-coole Sängerin,- andererseits die nachdenkliche Privatperson. Doch diese beiden Facetten in einem verwobenen Zustand darzustellen gelingt einfach nicht. Rosivita ist kein Knotenpunkt in einem enthierarchisierten Netzwerk ohne (Zu-)Ordnungsprinzipien, wie ihn Ada Lovelace mathematisch entworfen hat, sondern eine Frau, die der Dichotomie Beruf und Privatheit voll ausgesetzt ist, diese aber nicht überwinden kann. Schade. Reinhold Schachner Quelle: © Die Universität zurueck |